{"id":24,"date":"2013-04-12T13:41:28","date_gmt":"2013-04-12T13:41:28","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.muhvie.de\/?p=24"},"modified":"2013-04-12T13:41:28","modified_gmt":"2013-04-12T13:41:28","slug":"fleisch-skandal-ich-glaub-mich-tritt-ein-pferd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.muhvie.de\/?p=24","title":{"rendered":"Fleisch-Skandal: Ich glaub mich tritt ein Pferd"},"content":{"rendered":"<p>Die Liste von Appetitlosigkeiten die uns die Lebensmittelindustrie tagt\u00e4glich serviert, scheint endlos zu sein. Und stets gilt, nach dem letzten Skandal ist vor dem n\u00e4chsten Skandal. Der letzte Beweis hierf\u00fcr ist erbracht; als Rindfleisch deklariertes Pferdefleisch tourt seit Monaten durch Europa. Nun kommen 50.000 Tonnen mit Pferdefleisch vermengtes Rindfleisch aus den Niederlanden. Mahlzeit. Dabei hat es der Verbraucher in der Hand.<\/p>\n<p>\u00dcberm\u00e4\u00dfiger Gebrauch von Antibiotika in H\u00fchnermastbetrieben, neu etikettiertes Gammelfleisch, durchgehender Gentechnikeinsatz in Saatgut weniger allm\u00e4chtiger Konzerne, die nun auch noch den ordin\u00e4ren Brokkoli sich patentieren lassen, Klon-Rinder in den USA, krebserregende Zusatzstoffe in Lebensmittel, Analogk\u00e4se oder geklebter Formschinken in der Wursttheke, EHEC und Vogelgrippe.<\/p>\n<p>\u201eEin Pferd, ein Pferd, mein K\u00f6nigreich f\u00fcr ein Pferd\u201c, rief einst Richard III. im gleichnamigen Meisterwerk von William Shakespeare, als er nach einem ach so wichtigen Transportmittel rief. Ein Pferd, damals als wertvolles, weil schnelles Transportmittel gesch\u00e4tzt. Lange, lange scheint es her, als man Sachen \u2013 und laut Deutschem Gesetz sind Tiere Sachen \u2013 so richtig zu sch\u00e4tzen wusste.\u00a0 Gleiches gilt auch f\u00fcr Lebensmittel, erst recht, wenn man zur gro\u00dfen Schar der Lebensmittelindustrie geh\u00f6rt, f\u00fcr die Profite schon hinter dem Komma zur Wichtigkeit werden.<\/p>\n<p>Profite werden in der Lebensmittelindustrie heute gerne auch mit g\u00fcnstigen Ersatzstoffen gemacht. Was fr\u00fcher alles echt war, erh\u00e4lt heute starke Konkurrenz aus dem Labor. Vieles ist heutzutage in Lebensmitteln enthalten, das so von der Natur nicht vorgesehen ist. Aroma und Zellstoff ersetzen die gute Erdbeere im Fruchtjoghurt oder k\u00fcnstliche Geschmacksverst\u00e4rker tunen Geschmackloses, das so manchem Verbraucher den Schwei\u00df auf die Stirn treibt. Letztere werden sogar wieder ersetzt durch nat\u00fcrliche Hefeextrakte, die den gleichen Effekt haben, auf der Verpackung aber Nat\u00fcrlichkeit vorgaukeln sollen. Denn, bei all den Ersatzstoffen ist es der Industrie heute mehr denn je wichtig, die Anmutung zu verbreiten, dass Massenware \u201aaus der Heimat\u2018 stammt, \u201agesund\u2018 oder \u201anat\u00fcrlich\u2018 ist. Das verlangt der Verbraucher, gl\u00fccklicherweise wieder und nach zahlreichen Lebensmittelskandalen auch zu Recht. Doch die Industrie macht dem Verbraucher ein \u201ax\u2018 f\u00fcr ein \u201au\u2018 vor, oder eben ein Pferd f\u00fcr ein Rind. Sicher, viele verarbeitende Betriebe wussten und wissen nicht was sie da verarbeiten. Manche vielleicht doch.<\/p>\n<h2>Damals, zu Gro\u00dfmutters Zeiten<\/h2>\n<p>\u201eFr\u00fcher war alles besser\u201c, wer kennt ihn nicht, diesen Spruch der \u00e4lteren Generation. Und, haben Sie Recht? Es scheint so. Denn zu Gro\u00dfmutters Zeiten verkam nichts, wurde teils mit hoher Innovationskraft alles verwertet, was im Stall stand, im sch\u00f6nen Bauerngarten wuchs, oder mit den Nachbarn getauscht wurde. Aus der Not wurde eine Tugend gemacht. Auch weil viel Respekt vor den Produkten der Natur herrschte. Warum? Weil es knapp und weil es teuer war. Angebot regelt die Nachfrage, das galt damals wie heute. Nur heute haben wir ein vermeintliches \u00dcberangebot, k\u00f6nnen uns zumindest in den Industrienationen nahezu alles leisten. Auch wenn viele Jammern. Auf hohem Niveau. Zu Unrecht, sind Lebensmittel doch sp\u00e4testens seit den siebziger Jahren billiger und billiger geworden. Zahlten wir Deutsche damals noch etwa 25 Prozent unseres Gehaltes daf\u00fcr, um Speisekammer und K\u00fchlschrank zu f\u00fcllen, so sind es heute gerade noch 10 Prozent. Viel zu billig, um noch Respekt zu haben? Scheinbar, der Wegwerfwahn der deutschen Haushalte scheint dies zu belegen. \u201aGeiz ist geil\u2018, ein gefl\u00fcgeltes Wort einer ehemaligen Werbekampagne, wird bei Zynikern im Internet ganz aktuell zu \u201eGeiz isst Gaul\u201c. Volkes Mund tut Wahres kund?<\/p>\n<h2>Der Pferdefleisch-Skandal ist ein Angriff auf den guten Geschmack<\/h2>\n<p>Der Handel mit Pferdefleisch, der einen europaweiten Skandal ausl\u00f6ste war lukrativ. Und ist es weiterhin. Es flossen Millionen. Der Grund ist einfach wie die Idee genial war. Die Lebensmittelindustrie arbeitet in so engen Margen, dass das Fleisch einfach umetikettiert wurde, wie das Magazin stern im Februar 2013 belegen konnte. Irgendwo auf dem Weg aus rum\u00e4nischen und polnischen Schlachtereien. Ein Millionengesch\u00e4ft, ist doch das rum\u00e4nische Pferdefleisch um bis zu 80 Prozent g\u00fcnstiger, als Rind.<\/p>\n<h2>Die Zahlen eines europaweiten Skandals<\/h2>\n<p>Erschrocken und gewiss, dass kein Verbraucher mehr die verd\u00e4chtigen Lebensmittel noch kauft, haben Duzende von Handelsketten alles Verd\u00e4chtige aus den Regalen und Tiefk\u00fchlern aussortiert. Und vernichtet. Das war im Februar so und geht jetzt weiter. Nur drei Beispiele: In Frankreich wurden im Februar alleine 4,5 Millionen Fertiggerichte aus dem Verkehr gezogen, in Gro\u00dfbritannien unter anderem 10 Millionen Burger entsorgt, in Deutschland laut BILD-Recherche bis Ende Februar alleine 200 Tonnen Fertiggerichte vernichtet. Neuerlicher Wegwerf-Wahnsinn.<\/p>\n<h2>War zu erwarten: Politik ist entsetzt<\/h2>\n<p>EU-Kommiss\u00e4re, Bundespolitiker und Europol sind weiterhin aufgebracht. So wie bereits im Februar. Nach den \u00dcbelt\u00e4tern wird gefahndet, Politiker fordern neue gesetzliche Vorgaben. Frau Aigner nannte den ganzen Pferdefleisch-Skandal gar eine \u201aSauerei\u2018. Irgendwie das falsche Wort. Und die falsche Reaktion einer Politik, die selbst die Vorgaben f\u00fcr die Lebensmittelindustrie macht und solch einem Betrug ganz offensichtlich T\u00fcr und Tor \u00f6ffnete.<\/p>\n<p>Ein Beispiel: Zu Zeiten der Rinderseuche BSE wurde beschlossen, dass es eine Deklarationspflicht f\u00fcr die Herkunft von Rindfleisch gibt. Theoretisch, oder, genauer gesagt, f\u00fcr reines Rindfleisch. Ist es verarbeitet, so wie beim marinierten TK-Steak oder eben Fertiggerichten wie Lasagne, dann gilt diese Pflicht nicht mehr. Zwar m\u00fcsste strenggenommen Rindfleisch auf dem Etikett stehen. Dass dies nicht funktioniert, zeigt der Pferdefleisch-Skandal nur zu gut. Es scheint so einfach, den Verbraucher an der Nase herumzuf\u00fchren und Pflichten zu verletzen. Sei es auch nur durch ein Glied in einer v\u00f6llig undurchsichtigen Lieferkette. Die globalen Warenstr\u00f6me scheinen unkontrollierbar.<\/p>\n<h2>Projekt: Globaler Wegwerf-Wahnsinn<\/h2>\n<p>Der Aufschrei ist gro\u00df. Wer sich noch mehr echauffieren m\u00f6chte, hier ein Buchtipp: Michaels Schiefersteins \u201aProjekt: Globaler-Wegwerfwahnsinn\u2018. Der Buchautor und Kochmeister hat den Wegwerf-Wahnsinn irgendwann satt gehabt und hat recherchiert, nennt sich martialisch FoodFighter. So manchem wird es bei den Fakten vielleicht schlecht, die er \u00fcbrigens auch teilweise mit Valentin Thurn, dem Filmer von \u201aTaste the Waste\u2018 ermittelt hat.<\/p>\n<p>Kleine Geschmacksprobe seiner Fakten? Voil\u00e0: Es werden 4 Millionen Schweine in Deutschland j\u00e4hrlich geschlachtet, 2 Millionen werden weggeworfen! Warum? Na, weil die Superm\u00e4rkte Unmengen an \u00dcberkapazit\u00e4ten vorhalten, sich f\u00fcr den gro\u00dfen Ansturm wappnen. Tag f\u00fcr Tag.<\/p>\n<p>Andere Zahlen des Buchautors widerlegen eine hurtig gestrickte Studie von Frau Aigner. 11 Mio. Tonnen Lebensmittel sollen wir b\u00f6sen Deutschen j\u00e4hrlich wegwerfen. Meist im Privathaushalt. Der FoodFighter hat indes ermittelt, dass es gut und gerne mehr als 20 Mio. Tonnen sind und gar nicht der Privathaushalt die Nummer eins im Wegwerfen ist, sondern die Bauern, die zu gro\u00dfes! oder unsch\u00f6nes Obst und Gem\u00fcse unterpfl\u00fcgen, weil es keiner kauft. Zudem sind der Handel und die Industrie die gro\u00dfen \u201aWegwerfer\u2018, so seine Recherchen. Und die neuerlichen Zahlen aus dem Pferdefleischskandal werden die europaweite Bilanz des Lebensmittelm\u00fclls noch \u201averbessern\u2018.<\/p>\n<p>Im aktuellen Fall des Pferdefleisch-Skandals fordert Michael Schieferstein ein Ende des Wegwerfens: \u201eWer sagt denn, dass Pferdefleisch in den neuerlichen 50.000 Tonnen Fleisch \u00fcberhaupt drin ist? Wie viel ist es denn? Eins, zwei, tausend? Ich bin zwar auch kein Pferdefleisch-Fan, aber das Wegwerfen muss aufh\u00f6ren. Tausende von Tieren wurden hierf\u00fcr erst misshandelt, vielfach gequ\u00e4lt und letztlich geschlachtet.\u201c<\/p>\n<p>Und weiter sagt Michael Schieferstein: \u201eWarum versuchen die Superm\u00e4rkte nicht, in Verdacht geratene Lebensmittel zum Schleuderpreis rauszuhauen? Vielleicht gibt es ja Menschen die das kaufen. Es gibt zahlreiche Pferdefleisch-Restaurants, ja sogar Metzger, die einen guten Zulauf haben, warum nicht im Zweifelsfall dann die Gerichte also noch ver\u00e4u\u00dfern. Wer will, also von Seiten der Superm\u00e4rkte, kann ja die Einnahmen daraus spenden. Dann wird doppelt Gutes getan. Wegwerfen kann es jedenfalls nicht sein. Das ist in jeder Hinsicht mangelnder Respekt.\u201c Zu Recht verweist \u00fcbrigens Schieferstein darauf, dass es auch das Portal Foodsharing.de <a href=\"http:\/\/foodsharing.de\/\">http:\/\/foodsharing.de\/<\/a> gibt. Auch hier k\u00f6nnte man die verd\u00e4chtigen Produkte einstellen. \u201eSicherlich w\u00fcrden sich Interessenten finden\u2026\u201c, meint der Kochprofi.<\/p>\n<h2>Der Verbraucher hat es in der Hand, Lebensmittelskandale einzud\u00e4mmen<\/h2>\n<p>Der Verbraucher hat die Macht, muss sich selbst an die eigene Nase fassen. Das vergessen viele. Die Idee wie man gegen diesen neuerlichen Skandal reagieren kann ist gar nicht so neu: Selber machen, im Idealfall mit Produkten von \u201eum die Ecke\u201c. Beim Metzger nebenan h\u00e4ngen sp\u00e4testens seit der BSE-Krise Herkunftstafeln des Rindfleisches. Es ist meist aus der Region, hat also keine qualvolle Reise durch halb Europa hinter sich. Oder zum Hofladen, zumindest zum kleinen H\u00e4ndler des Vertrauens gehen und dort Gem\u00fcse kaufen. Gerne auch mal Fragen wo die Produkte herkommen. Da ihre\/seine Existenz am Verkauf h\u00e4ngt, wird es sicherlich Auskunft geben.<\/p>\n<p>Oder anders gesagt: Hat jemand schon mal Hackfleisch aus dem Supermarkt angebraten? Da verzagt nur allzu oft selbst ein Gasherd beim Bem\u00fchen das Bruzzeln aufrecht zu erhalten. Dank scheinbar Unmengen an Wasser im Fleisch\u2026<\/p>\n<p>Also, frische Gew\u00fcrze auf die Fensterbank stellen und, so nicht gelernt, ein Kochbuch in die Hand nehmen und einfach mal was selber machen. Dann hat kein Lebensmittelskandal eine Chance. Bei keinem Fleischesser, bei keinem Vegetarier, bei keinem Veganer. Und bitte: Das Argument, \u201awir haben doch keine Zeit\u2018 z\u00e4hlt nicht. Eine fruchtige Tomatensauce und viele andere leckere Speisen sind genauso schnell gezaubert wie das Fertiggericht. Vielleicht, und wenn es sogar schmeckt, landet dann sogar weniger im M\u00fcll.<\/p>\n<p>Andernfalls scheint sich der Leitspruch vom Rautenpullundertr\u00e4ger Olaf Schubert beim n\u00e4chsten, garantiert vorprogrammierten Lebensmittelskandal wieder zu bewahrheiten: \u201e\u2026 und der Dumme ist immer der Bl\u00f6de\u201c.<\/p>\n<p><i>J\u00fcrgen R\u00f6semeier-Buhmann<\/i><\/p>\n<p>Freier Journalist, Redakteur &amp; Autor<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Liste von Appetitlosigkeiten die uns die Lebensmittelindustrie tagt\u00e4glich serviert, scheint endlos zu sein. Und stets gilt, nach dem letzten Skandal ist vor dem n\u00e4chsten Skandal. 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