Fleisch-Skandal: Ich glaub mich tritt ein Pferd

Die Liste von Appetitlosigkeiten die uns die Lebensmittelindustrie tagtäglich serviert, scheint endlos zu sein. Und stets gilt, nach dem letzten Skandal ist vor dem nächsten Skandal. Der letzte Beweis hierfür ist erbracht; als Rindfleisch deklariertes Pferdefleisch tourt seit Monaten durch Europa. Nun kommen 50.000 Tonnen mit Pferdefleisch vermengtes Rindfleisch aus den Niederlanden. Mahlzeit. Dabei hat es der Verbraucher in der Hand.

Übermäßiger Gebrauch von Antibiotika in Hühnermastbetrieben, neu etikettiertes Gammelfleisch, durchgehender Gentechnikeinsatz in Saatgut weniger allmächtiger Konzerne, die nun auch noch den ordinären Brokkoli sich patentieren lassen, Klon-Rinder in den USA, krebserregende Zusatzstoffe in Lebensmittel, Analogkäse oder geklebter Formschinken in der Wursttheke, EHEC und Vogelgrippe.

„Ein Pferd, ein Pferd, mein Königreich für ein Pferd“, rief einst Richard III. im gleichnamigen Meisterwerk von William Shakespeare, als er nach einem ach so wichtigen Transportmittel rief. Ein Pferd, damals als wertvolles, weil schnelles Transportmittel geschätzt. Lange, lange scheint es her, als man Sachen – und laut Deutschem Gesetz sind Tiere Sachen – so richtig zu schätzen wusste.  Gleiches gilt auch für Lebensmittel, erst recht, wenn man zur großen Schar der Lebensmittelindustrie gehört, für die Profite schon hinter dem Komma zur Wichtigkeit werden.

Profite werden in der Lebensmittelindustrie heute gerne auch mit günstigen Ersatzstoffen gemacht. Was früher alles echt war, erhält heute starke Konkurrenz aus dem Labor. Vieles ist heutzutage in Lebensmitteln enthalten, das so von der Natur nicht vorgesehen ist. Aroma und Zellstoff ersetzen die gute Erdbeere im Fruchtjoghurt oder künstliche Geschmacksverstärker tunen Geschmackloses, das so manchem Verbraucher den Schweiß auf die Stirn treibt. Letztere werden sogar wieder ersetzt durch natürliche Hefeextrakte, die den gleichen Effekt haben, auf der Verpackung aber Natürlichkeit vorgaukeln sollen. Denn, bei all den Ersatzstoffen ist es der Industrie heute mehr denn je wichtig, die Anmutung zu verbreiten, dass Massenware ‚aus der Heimat‘ stammt, ‚gesund‘ oder ‚natürlich‘ ist. Das verlangt der Verbraucher, glücklicherweise wieder und nach zahlreichen Lebensmittelskandalen auch zu Recht. Doch die Industrie macht dem Verbraucher ein ‚x‘ für ein ‚u‘ vor, oder eben ein Pferd für ein Rind. Sicher, viele verarbeitende Betriebe wussten und wissen nicht was sie da verarbeiten. Manche vielleicht doch.

Damals, zu Großmutters Zeiten

„Früher war alles besser“, wer kennt ihn nicht, diesen Spruch der älteren Generation. Und, haben Sie Recht? Es scheint so. Denn zu Großmutters Zeiten verkam nichts, wurde teils mit hoher Innovationskraft alles verwertet, was im Stall stand, im schönen Bauerngarten wuchs, oder mit den Nachbarn getauscht wurde. Aus der Not wurde eine Tugend gemacht. Auch weil viel Respekt vor den Produkten der Natur herrschte. Warum? Weil es knapp und weil es teuer war. Angebot regelt die Nachfrage, das galt damals wie heute. Nur heute haben wir ein vermeintliches Überangebot, können uns zumindest in den Industrienationen nahezu alles leisten. Auch wenn viele Jammern. Auf hohem Niveau. Zu Unrecht, sind Lebensmittel doch spätestens seit den siebziger Jahren billiger und billiger geworden. Zahlten wir Deutsche damals noch etwa 25 Prozent unseres Gehaltes dafür, um Speisekammer und Kühlschrank zu füllen, so sind es heute gerade noch 10 Prozent. Viel zu billig, um noch Respekt zu haben? Scheinbar, der Wegwerfwahn der deutschen Haushalte scheint dies zu belegen. ‚Geiz ist geil‘, ein geflügeltes Wort einer ehemaligen Werbekampagne, wird bei Zynikern im Internet ganz aktuell zu „Geiz isst Gaul“. Volkes Mund tut Wahres kund?

Der Pferdefleisch-Skandal ist ein Angriff auf den guten Geschmack

Der Handel mit Pferdefleisch, der einen europaweiten Skandal auslöste war lukrativ. Und ist es weiterhin. Es flossen Millionen. Der Grund ist einfach wie die Idee genial war. Die Lebensmittelindustrie arbeitet in so engen Margen, dass das Fleisch einfach umetikettiert wurde, wie das Magazin stern im Februar 2013 belegen konnte. Irgendwo auf dem Weg aus rumänischen und polnischen Schlachtereien. Ein Millionengeschäft, ist doch das rumänische Pferdefleisch um bis zu 80 Prozent günstiger, als Rind.

Die Zahlen eines europaweiten Skandals

Erschrocken und gewiss, dass kein Verbraucher mehr die verdächtigen Lebensmittel noch kauft, haben Duzende von Handelsketten alles Verdächtige aus den Regalen und Tiefkühlern aussortiert. Und vernichtet. Das war im Februar so und geht jetzt weiter. Nur drei Beispiele: In Frankreich wurden im Februar alleine 4,5 Millionen Fertiggerichte aus dem Verkehr gezogen, in Großbritannien unter anderem 10 Millionen Burger entsorgt, in Deutschland laut BILD-Recherche bis Ende Februar alleine 200 Tonnen Fertiggerichte vernichtet. Neuerlicher Wegwerf-Wahnsinn.

War zu erwarten: Politik ist entsetzt

EU-Kommissäre, Bundespolitiker und Europol sind weiterhin aufgebracht. So wie bereits im Februar. Nach den Übeltätern wird gefahndet, Politiker fordern neue gesetzliche Vorgaben. Frau Aigner nannte den ganzen Pferdefleisch-Skandal gar eine ‚Sauerei‘. Irgendwie das falsche Wort. Und die falsche Reaktion einer Politik, die selbst die Vorgaben für die Lebensmittelindustrie macht und solch einem Betrug ganz offensichtlich Tür und Tor öffnete.

Ein Beispiel: Zu Zeiten der Rinderseuche BSE wurde beschlossen, dass es eine Deklarationspflicht für die Herkunft von Rindfleisch gibt. Theoretisch, oder, genauer gesagt, für reines Rindfleisch. Ist es verarbeitet, so wie beim marinierten TK-Steak oder eben Fertiggerichten wie Lasagne, dann gilt diese Pflicht nicht mehr. Zwar müsste strenggenommen Rindfleisch auf dem Etikett stehen. Dass dies nicht funktioniert, zeigt der Pferdefleisch-Skandal nur zu gut. Es scheint so einfach, den Verbraucher an der Nase herumzuführen und Pflichten zu verletzen. Sei es auch nur durch ein Glied in einer völlig undurchsichtigen Lieferkette. Die globalen Warenströme scheinen unkontrollierbar.

Projekt: Globaler Wegwerf-Wahnsinn

Der Aufschrei ist groß. Wer sich noch mehr echauffieren möchte, hier ein Buchtipp: Michaels Schiefersteins ‚Projekt: Globaler-Wegwerfwahnsinn‘. Der Buchautor und Kochmeister hat den Wegwerf-Wahnsinn irgendwann satt gehabt und hat recherchiert, nennt sich martialisch FoodFighter. So manchem wird es bei den Fakten vielleicht schlecht, die er übrigens auch teilweise mit Valentin Thurn, dem Filmer von ‚Taste the Waste‘ ermittelt hat.

Kleine Geschmacksprobe seiner Fakten? Voilà: Es werden 4 Millionen Schweine in Deutschland jährlich geschlachtet, 2 Millionen werden weggeworfen! Warum? Na, weil die Supermärkte Unmengen an Überkapazitäten vorhalten, sich für den großen Ansturm wappnen. Tag für Tag.

Andere Zahlen des Buchautors widerlegen eine hurtig gestrickte Studie von Frau Aigner. 11 Mio. Tonnen Lebensmittel sollen wir bösen Deutschen jährlich wegwerfen. Meist im Privathaushalt. Der FoodFighter hat indes ermittelt, dass es gut und gerne mehr als 20 Mio. Tonnen sind und gar nicht der Privathaushalt die Nummer eins im Wegwerfen ist, sondern die Bauern, die zu großes! oder unschönes Obst und Gemüse unterpflügen, weil es keiner kauft. Zudem sind der Handel und die Industrie die großen ‚Wegwerfer‘, so seine Recherchen. Und die neuerlichen Zahlen aus dem Pferdefleischskandal werden die europaweite Bilanz des Lebensmittelmülls noch ‚verbessern‘.

Im aktuellen Fall des Pferdefleisch-Skandals fordert Michael Schieferstein ein Ende des Wegwerfens: „Wer sagt denn, dass Pferdefleisch in den neuerlichen 50.000 Tonnen Fleisch überhaupt drin ist? Wie viel ist es denn? Eins, zwei, tausend? Ich bin zwar auch kein Pferdefleisch-Fan, aber das Wegwerfen muss aufhören. Tausende von Tieren wurden hierfür erst misshandelt, vielfach gequält und letztlich geschlachtet.“

Und weiter sagt Michael Schieferstein: „Warum versuchen die Supermärkte nicht, in Verdacht geratene Lebensmittel zum Schleuderpreis rauszuhauen? Vielleicht gibt es ja Menschen die das kaufen. Es gibt zahlreiche Pferdefleisch-Restaurants, ja sogar Metzger, die einen guten Zulauf haben, warum nicht im Zweifelsfall dann die Gerichte also noch veräußern. Wer will, also von Seiten der Supermärkte, kann ja die Einnahmen daraus spenden. Dann wird doppelt Gutes getan. Wegwerfen kann es jedenfalls nicht sein. Das ist in jeder Hinsicht mangelnder Respekt.“ Zu Recht verweist übrigens Schieferstein darauf, dass es auch das Portal Foodsharing.de http://foodsharing.de/ gibt. Auch hier könnte man die verdächtigen Produkte einstellen. „Sicherlich würden sich Interessenten finden…“, meint der Kochprofi.

Der Verbraucher hat es in der Hand, Lebensmittelskandale einzudämmen

Der Verbraucher hat die Macht, muss sich selbst an die eigene Nase fassen. Das vergessen viele. Die Idee wie man gegen diesen neuerlichen Skandal reagieren kann ist gar nicht so neu: Selber machen, im Idealfall mit Produkten von „um die Ecke“. Beim Metzger nebenan hängen spätestens seit der BSE-Krise Herkunftstafeln des Rindfleisches. Es ist meist aus der Region, hat also keine qualvolle Reise durch halb Europa hinter sich. Oder zum Hofladen, zumindest zum kleinen Händler des Vertrauens gehen und dort Gemüse kaufen. Gerne auch mal Fragen wo die Produkte herkommen. Da ihre/seine Existenz am Verkauf hängt, wird es sicherlich Auskunft geben.

Oder anders gesagt: Hat jemand schon mal Hackfleisch aus dem Supermarkt angebraten? Da verzagt nur allzu oft selbst ein Gasherd beim Bemühen das Bruzzeln aufrecht zu erhalten. Dank scheinbar Unmengen an Wasser im Fleisch…

Also, frische Gewürze auf die Fensterbank stellen und, so nicht gelernt, ein Kochbuch in die Hand nehmen und einfach mal was selber machen. Dann hat kein Lebensmittelskandal eine Chance. Bei keinem Fleischesser, bei keinem Vegetarier, bei keinem Veganer. Und bitte: Das Argument, ‚wir haben doch keine Zeit‘ zählt nicht. Eine fruchtige Tomatensauce und viele andere leckere Speisen sind genauso schnell gezaubert wie das Fertiggericht. Vielleicht, und wenn es sogar schmeckt, landet dann sogar weniger im Müll.

Andernfalls scheint sich der Leitspruch vom Rautenpullunderträger Olaf Schubert beim nächsten, garantiert vorprogrammierten Lebensmittelskandal wieder zu bewahrheiten: „… und der Dumme ist immer der Blöde“.

Jürgen Rösemeier-Buhmann

Freier Journalist, Redakteur & Autor

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